Von:
Martin Hoepfner

e-improvisation.de

„Da haben wir doch gut improvisiert!“ Ob nach dem Konfirmandenunterricht, nach dem Kindermusical, nach dem Gottesdienst, nach dem Konzert, im Alltag. Diesen Satz habe ich schon oft gesagt und auch oft gehört. Manchmal habe ich das Gefühl, die Hälfte meiner Arbeit besteht aus Improvisieren.

Improvisation bedeutet nämlich – wenn man das Wort auseinandernimmt - „Unvorhergesehenes“. Man muss sozusagen auf alles, was man nicht planen kann oder nicht geplant hat, reagieren. Wenn man sich Improvisation einmal so zu recht legt, dann sind wir eigentlich ständig am Improvisieren.

Oft läuft es im Leben nämlich anders als vielleicht geplant. Dann stehen wir vor der Aufgabe, diese „Abweichung“ zu kompensieren. Wir müssen improvisieren. Wie oft sehe ich Menschen, die in solchen Situationen einfach nicht mehr weiterwissen, verzweifelt dastehen und sich – je nach Charakter – irritiert am Kopf kratzen oder panisch im Kreis drehen, ohne dass die Situation dadurch besser wird.

In meinem Nebenjob als Kirchenmusiker bin ich noch ein anderes Improvisieren gewöhnt: an der Orgel improvisieren macht nicht nur Spaß, sondern gibt mir auch die Möglichkeit spontan auf die Stimmung im Gottesdienst einzugehen. Denn Stimmung ist auch oft unvorhergesehen.

Improvisation bedeutet allerdings nicht ganz „Unvorhergesehen“, denn man weiß ja ungefähr, in welche Richtung oder über welche musikalische Themen (Melodien) man improvisieren möchte. Und ein bekannter Organist hat einmal bei einem seine Konzerte gesagt: „Improvisationen sind Kompositionen, bei denen der Komponist zu faul ist, die Noten aufzuschreiben.“

Und er hat zumindest in einem Punkt Recht: Improvisation ist auch Komposition. Wenn ich improvisiere, folge ich meinem inneren Klang, sozusagen dem Klang meines Herzens. Ich treffe nicht immer hundertprozentig die Akkorde, die ich mir vorstelle, aber ich treffe das, was ich gerade empfinde und kann durch Improvisation Stimmung komponieren. Oder eine Stimmung retten. Oder auch eine Stimmung umwandeln. Ich kann den Nerv der Menschen treffen, die sie hören, ich kann aber auch völlig danebenliegen.

Und wenn ich am Ende eines Konzertes oder einer Veranstaltung den Satz höre: „Das war toll. Ich komme gern wieder“, dann denke ich mir beruhigt, dass man so viel planen kann, wie man will. Aber am Ende „haben wir doch (nur) gut improvisiert.“